Das in Bezug auf chronische Schmerzen oft benannte „Schmerzgedächtnis“ ist immer wieder Thema verschiedener Diskussionen und die Existenz wird teilweise bestritten. Aber der Reihe nach.

 

Die medizinische Erklärung

 

Die Ausbildung des Schmerzgedächtnisses ist ein komplexer und häufig nicht eindeutig definierbarer Prozess. Am Anfang der Schmerzhistorie stehen oft akute, stärkste Schmerzreize. Diese Schmerzreize können, je nach Dauer und Intensität, Spuren im Nervensystem hinterlassen.

 

Solche lang anhaltenden Reize machen nozizeptive (an der Schmerzempfindung beteiligte) Nervenzellen auf die Dauer empfindlicher für Schmerzreize. Das hat zur Folge, dass selbst normalerweise harmlose, nicht schmerzhafte Reize einen Schmerz auslösen können. Auch kann die Schmerzempfindlichkeit deutlich gesteigert sein, was man als Hyperalgesie bezeichnet.

 

Haben wir über einen langen Zeitraum Schmerzen an der gleichen Stelle, werden durch den dauerhaft gereizten Informationsweg die Synapsen der Nervenzellen zur Veränderung angeregt. Sie werden größer und die Reizübertragung wird effektiver. Die Nervenzellen passen sich also der gesteigerten Anforderung an. Diese Anpassung vollzieht sich im ganzen Nervensystem, bis ins Gehirn hinein. (Diese Veränderungen im Nervensystem wurden in Versuchen an Ratten nachgewiesen)

 

Das „Schmerzgedächtnis“ entsteht, wobei ich diesen Begriff als schlecht gewählt empfinde. Es ist im Grunde eine Anpassungsreaktion, keine Speicherung. Diese Anpassung hat zur Folge, dass irgendwann auch ohne Reiz ein Schmerzsignal ans Gehirn gesendet wird. Die Folgen sind dauerhafte Schonhaltung und Bewegungsmangel beim Patienten, was die Problematik noch verschlimmert. Es kommt zu Fehlbelastungen in anderen Bereichen des Muskel-Skelett-Systems, die dann wiederrum zu weiteren Schmerzen führen können.

 

Mit einer Chronifizierung geht der eigentliche, wichtige Sinn eines Schmerzreizes, nämlich schädigende Vorgänge zu erkennen und zu vermeiden, verloren. Es entsteht ein eigenständiges Krankheitsbild durch die Ausbildung des Schmerzgedächtnisses.

 

Schmerzgedächtnis ein Irrweg?

 

Roland Liebscher-Bracht bezeichnet die Bildung des Schmerzgedächtnisses als Ursache für chronische Schmerzen als Irrweg. Aus seiner Sicht entsteht ein Schmerz nie ohne Grund und er hat immer einen Sinn. Wird die Ursache des Schmerzes nicht behandelt, entwickelt sich der Schmerz weiter und bleibt bestehen. Eben durch fehlende Behandlung. Daher gibt es für Schmerzspezialist Roland Liebscher-Bracht keinen chronischen Schmerz sondern nur Schmerzen die über Jahre nicht richtig behandelt werden und deren Ursache nach wie vor besteht.

 

Die Ursache für die im Nervensystem gefundenen Veränderungen führt Roland Liebscher-Bracht auf die Einwirkung die lang anhaltenden, oft immer stärker werdenden Schmerzen zurück. Also nicht die Veränderung im Nervensystem (oder die Anpassung der Synapsen) verursachen den Schmerz, sondern der Schmerz verursacht die Veränderung im Nervensystem.

 

Noch nicht abschließend geklärt

 

Aus meiner Sicht zeigt die tägliche Praxis, dass viele chronische Schmerzen nicht allein auf die Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses zurückzuführen sein können, da nach einer Behandlung bereits eine deutliche Schmerzlinderung eintritt. Eine so schnelle Rückbildung der Synapsen halte ich für wenig wahrscheinlich. Die genauen Vorgänge chronifizierter Schmerzen sind aufgrund ihrer Komplexität bislang nicht abschließend geklärt.

 

Ich kann aus meiner eigenen Praxiserfahrung berichten, das sich mit meiner Schmerztherapie tatsächlich viele chronische Schmerzgeschehen schnell positiv beeinflussen lassen, die man allein auf die Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses geschoben hat. Diese Schmerzen werden durch die richtige Behandlung oftmals nach ein bis drei Behandlungen deutlich reduziert und manchmal sogar „vergessen“, so dass für mich zumindest eine Beteiligung muskulärer Ursachen hier logisch erscheint.

 

Dauerhafte Schmerzreduktion oder sogar Schmerzfreiheit lässt sich allerdings nur mit Eigeninitiative des Patienten erreichen. Dazu gehören die regelmäßigen Engpass-Dehnungen genauso, wie eine Änderung des Lebensstils.